In Bre­men steigt die Zahl der Räu­mungs­kla­gen

Jede Woche ver­lo­ren im ver­gan­ge­nen Jahr 15 Mie­ter un­frei­wil­lig ihre Blei­be. Ins­ge­samt 790 Mal ent­schied das Amts­ge­richt Bre­men auf Zwangs­räu­mung – ein Plus von rund 45 Pro­zent ge­gen­über 2010. Dabei müss­te es in vie­en Fäl­len gar nicht so weit kom­men, mei­nen Ex­per­ten. Die Be­trof­fe­nen bräuch­ten nur früh­zei­tig genug Hilfe.

Über die Ur­sa­chen der Kla­ge­wel­le lässt sich nur spe­ku­lie­ren, ge­naue Un­ter­su­chun­gen gibt es nicht. Die an­ge­spann­te Lage am Woh­nungs­markt und die schnel­le Ver­mie­tung leer­ste­hen­der Im­mo­bi­li­en dürf­ten wohl einen An­teil daran haben. Schuld seien auch „stei­gen­de Mie­ten und Ne­ben­kos­ten bei nied­ri­gem Ein­kom­men“, sagt Ber­told Reetz von der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe der In­ne­ren Mis­si­on.
Er und seine Kol­le­gen be­rie­ten und be­treu­ten im ver­gan­ge­nen Jahr ins­ge­samt 1945 Men­schen – alle von Ob­dach­osig­keit be­droht oder be­reits ohne Blei­be. Zwölf Mo­na­te zuvor waren es 1100 Fälle. „Das ist kein Pro­blem von Rand­rup­en mehr“, sagt Reetz.
Doch längst nicht jeder Klage folgt au­to­ma­tisch die Zwangs­räu­mung. „Nach un­se­rer Wahr­neh­mung ist das eher selten“, heißt es aus dem So­zi­al­res­sort. Oft­mals finde sich an­schei­nend eine an­de­re Lö­sung – der Be­trof­fe­ne zahle zum Bei­spiel die aus­ste­hen­de Miete nach oder ziehe aus.
Ge­mein­sam mit der In­ne­ren Mis­si­on und an­de­ren so­zia­len Ein­rich­tun­gen be­treibt die Be­hör­de im Ti­vo­li-​Hoch­haus die Zen­tra­le Fach­stel­le Woh­nen, ein Be­ra­tungs­an­ge­bot für Men­schen, die von Woh­nungs­lo­sig­keit be­droht oder be­trofen sind. Sie wird vom Amts­ge­richt re­gel­mä­ßig über Kla­gen in­for­miert und sucht dar­auf­hin den Kon­takt zu den Miet­schuld­nern – per Post. Mit wenig Er­folg: Von Ja­nu­ar bis Juni nah­men nur 97 von 414 Men­schen die Hilfe der Fach­stel­le an. Wei­te­ren 80 half das Job­cen­ter und die In­ter­ven­ti­on der Be­hör­de beim Ver­mie­ter.
Dass die meis­ten Men­schen nicht re­agie­ren, ver­wun­dert den Bre­mer So­zi­al­wis­sen­schaft­ler und Ex­per­ten in Sa­chen Ob­dach­lo­sig­keit, Volker Busch-​Ge­ertse­ma, nicht. „Viele sind über­schul­det, er­hal­ten täg­lich Mah­nun­gen und öff­nen längst keine Post mehr“, sagt er. Sein Wunsch: So­zi­al­ar­bei­ter soll­ten auf die Be­trof­fe­nen of­fen­siv zu­ge­hen und sie per­sön­lich in der Woh­nung auf­su­chen.
Schließ­lich sei die Ge­set­zes­la­ge für Miet­schuld­ner ei­gent­lich recht gut, er­klärt Busch-​Ge­ertse­ma. So lasse sich die dro­hen­de Räu­mung durch eine Nach­zah­lung selbst zwei Mo­na­te nach dem Ur­teil noch ver­hin­dern. Fehlt das Geld kön­nen Hartz-​IV-​Emp­fän­ger es sich beim Job­cen­ter lei­hen – und spä­ter ab­stot­tern.
Das So­zi­al­res­sort hin­ge­gen möch­te gern ge­mein­sam mit Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten und Ver­mie­tern eine Art Früh­warn­sys­tem in­stal­lie­ren. Miet­schuld­ner könn­ten dann recht­zei­tig an eine Be­ra­tungs­stel­le ver­wie­sen wer­den – bevor es zu spät ist.

Zur In­for­ma­ti­on:
Die Zahl der Räu­mungs­kla­gen nimmt zu: Gab es 2010 in Bre­men noch 546 Ver­fah­ren, stieg deren Zahl zu­nächst auf 622 (2011) und dann auf 790 im ver­gan­ge­nen Jahr. Und auch 2013 hält der ne­ga­ti­ve Trend an. Laut dem So­zi­al­res­sort gab es von Jah­res­be­ginn bis Ende Juni be­reits 414 er­folg­rei­che Kla­gen auf Zwangs­räu­mung – eine Stei­ge­ung von 17 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum.

Bremer Anzeiger 12.07.2013