Streit um den Holzhafen

Kulturklub Zuckerwerk

Bremen. Sie wünschen sich einen Ort für Ateliers und Elektromusik: Eine Gruppe junger Kreativer sucht seit zwei Jahren vergeblich nach einem Raum in der Stadt. Nun hat sie im Holzhafen ein Gebäude entdeckt, das geeignet scheint. Doch die Betriebe im Umfeld wehren sich. Sie sorgen sich um ihr Gewerbegebiet. Gerungen wird um die Zukunft des alten Hafens.

Zwerk

Es ist ein kleiner Kulturcrash vor toller Kulisse: Junge Künstler und DJs treffen auf alteingesessene Industriebetriebe. Das alles geschieht am Hafenbecken. Da, wo die imposante Roland-Mühle steht, wo sich Holz- und Fischmehlhändler ums Wasser scharen. Da, wo die feine Küche der Alten Feuerwache und der Fernfahrer-Imbiss direkte Nachbarn sind.

Am Hafenbecken steht aber auch ein Haus leer. Ein Gebäude, das den jungen Leuten ideal erscheint als Raum für selbst organisierte Kunst und elektronische Klubmusik. Hier würden sie gerne einziehen. Hier könnten sie mit ihrer Musik keine Anwohner stören, hier gibt es Räume, die sich als Ateliers und zum Tanzen eignen, sagen sie:. „Das Gebäude ist optimal“, so Akifa Taxim vom Verein Zuckerwerk.
Beginnend bei den Portgebäuden an der Nordseite des Europahafens bis hinter den am Horizont stehenden Landmarktower zum Mit dem Neubau „Port 3″entsteht das erste Wohngebäude am Europahafen. Der Bremische Projektentwickler Justus Grosse will Jedes der Porthäuser sieht anders aus. In diesen wird bislang nur gearbeitet. Fotostrecke: Wohnprojekte in der Überseestadt

Flashmob auf dem Marktplatz
Der Verein gründete sich, nachdem der Zucker-Klub in der Bahnhofsvorstadt 2012 schloss. Seit zwei Jahren ist das Zuckerwerk auf der Suche nach einem Grundstück oder einem Gebäude – vergeblich. „Ohne Zucker schmeckt Bremen bitter“, schrieben Fans auf ihre Plakate, wenn sie für neue Räume protestierten. Am Sonnabend gab es auf dem Marktplatz einen Flashmob für den Einzug in den Holzhafen, daran nahmen nach Angaben der Veranstalter gut 120 Menschen teil. Die Unterstützer verkleideten sich mit Papphäusern als Immobilien und tanzten zu Elektromusik.

„Wir haben 50 Immobilien in der gesamten Stadt geprüft, ich kenne inzwischen jeden Straßenzug in Bremen“, sagt Akifa Taxim. Der 36-Jährige ist DJ und Kulturmanager, er organisiert seit mehr als zehn Jahren Kultur und Partys in der Stadt. Zuletzt kam ein Vorschlag von der Bremer Zwischenzeitzentrale (ZZZ): Ein Haus am Holzhafen steht leer, hieß es. Bis März vergangenen Jahres befand sich darin ein Schulungszentrum der Windenergie-Firma Reetec, die dann nach nebenan zog. Das Gebäude gehört der Stadt und wird von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) vermarktet. Einigen sich Betriebe und Zuckerwerk, spricht aus Sicht der WFB nichts dagegen, das Haus an Zuckewerk zu vermieten.

Allein, von einer Einigung kann derzeit keine Rede sein. Zwar gab es ein Gespräch zwischen Firmen und Klubmusikfreunden, moderiert von der SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Karin Garling, die das Zuckerwerk bei der Raumsuche begleitet. Und auch heute Abend wollen sich Vertreter beider Gruppen zusammensetzen. Doch erst einmal krachte es, trotz der Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten. Der Puls steigt, vielleicht sogar auf tanztaugliche 130 Beats pro Minute.

Denn die Haltung der Betriebe ist ablehnend: „Der Einzug des Zuckerwerks würde das letzte zusammenhängende Industriegebiet in der Überseestadt auflösen“, fürchtet Berend Jürgen Erling, Geschäftsführer der Roland-Mühle. Ein benachbarter Spediteur und Holzhändler würde seinen Betrieb nach eigenen Worten zudem gerne auf das Gebiet des leer stehenden Gebäudes ausdehnen. „Zum Bestandsschutz für Betriebe gehört auch Raum für Erweiterung“, sagt Werner Maywald, Geschäftsführer der Initiative Stadtbremische Häfen (ISH), zu der die Firmen am Holzhafen gehören. Die Unternehmen fürchten, dass sie ihre Arbeitsabläufe einschränken müssen, wenn das Zuckerwerk einzieht. „Auch Sorgen wegen Vandalismus und Drogenkonsum spielen eine Rolle“, sagt Erling.

„Wieso fühlt ihr euch bedroht?“, fragen die Leute vom Zuckerwerk. „Wir sind nett, wir sind freundlich, wir wollen einen Freiraum für gemeinsames kulturelles Arbeiten.“ Und: „Wir sind genauso wenig wie ihr daran interessiert, dass bei euch im Hafen neue Wohngebiete entstehen.“

Die Firmen aber sehen das mühsam ausgehandelte Gleichgewicht verschiedener Nutzungen in der Überseestadt bedroht, sollten sich nicht-industrielle Neulinge am Holzhafen einrichten. Und bei den Industriebetrieben schwingt wohl auch Angst vor der Verdrängung mit.

Doch ist es gerechtfertigt, dass das Zuckerwerk Ziel dieser Sorge ist? „Es geht um eine Zwischennutzung für etwa zehn Jahre“, erklärt Stadtplaner Tom Lecke-Lopatta von der Baubehörde. Er hofft auf eine Einigung und dass die Kreativen am Holzhafen einziehen können. „Wir glauben, dass die wirtschaftliche Nutzung nicht beeinträchtigt würde, und wir haben zurzeit keine andere Immobilie.“ Es sei unfair, dass ausgerechnet die Zuckerwerk-Leute immer wieder mit so großen Ängsten konfrontiert würden, meint Lecke-Lopatta. Sie hätten ein starkes Umweltbewusstsein und seien extrem zuverlässig, so der Stadtplaner und ergänzt: „Wir legen die Hand für diese Leute ins Feuer, die uneigennützig Kultur mit überregionaler Ausstrahlung organisieren.“ Bremen brauche solche Menschen. Es bestehe die Gefahr, dass sie in andere Großstädte abwandern.

Hintergrund: Konflikte in der Überseestadt
In der Überseestadt hat es immer wieder Interessenskonflikte gegeben. Kelloggs klagte sogar gegen die Bebauung am Europahafen, zog dann aber zurück. Auch am Holzhafen haben die Betriebe ihren Standort verteidigt. 2009 wollte die Gruppe für Gestaltung (GFG) hier ein großes Bürogebäude errichten. Ein Streit zwischen Industrie und Dienstleistern entbrannte.

Die Pläne des Zuckerwerks sehen anders aus: Entstehen soll ein gemeinschaftlich organisierter, unkommerzieller Raum für Kunst, Wissensaustausch, Theater und elektronische Klubkultur. Anbieten würde sich eine Kooperation mit der nahen Hochschule für Künste. Das Zuckerwerk wird auch vom Musikfestival Fusion inspiriert und ist mit Gruppen im Hamburger Gängeviertel, in Wien und Berlin vernetzt. 2013 erhielt der Verein 100 000 Euro Fördermittel für Kreativwirtschaft von der Stadt.

Von Sara Sundermann
Weser Kurier 03.02.2014