„Lebendige Stadtteile brauchen viele Nutzer“

Anna-Lisa Müller von der Universität Bremen hat erforscht, wie europäische Städte auf Kreativität setzen, um sich weiterzuentwickeln. Sara Sundermann hat mit ihr darüber gesprochen, was sich in der Überseestadt bewegt und wieso viele Städte Kulturschaffende anlocken und halten wollen.

Frau Müller, warum müssen Städte heutzutage eigentlich immer kreativ sein?

Anna-Lisa Müller: Das ist die große Frage, die sich auch mir immer noch stellt: Müssen Städte wirklich so stark auf Kreativität setzen? Seit Anfang 2000 hat man – angestoßen durch den US-Ökonom Richard Florida – die Bedeutung von Kreativität für Stadtentwicklung mehr beschrieben. Die Befürworter von Kreativität als Motor gehen davon aus, dass es einen weltweiten Wettbewerb von Städten um Bewohner, Firmen und Steuereinnahmen gibt. Die Kreativwirtschaft gilt in diesem Wettbewerb als eine der neuen Zukunftsbranchen.

Klingt fast, als hätte man Künstler und Werbedesigner dazu auserkoren, die Stadt zu retten… Kann das denn funktionieren?

Es gibt auf jeden Fall durchaus Widerstand gegen diese Strategie, oft auch von diejenigen, die selbst zu den Kreativen gezählt werden. Ich habe mit Software-Programmierern und Künstlern gesprochen, die sich dagegen wehren, so instrumentalisiert zu werden: Sie wollen nicht, dass ihnen vor allem die Funktion zugewiesen wird, das Image ihrer Stadt zu verbessern und dadurch indirekt Investoren anzulocken.

In Bremen würde sich der Kulturklub Zuckerwerk gerne im alten Holzhafen ansiedeln. Die ansässigen Industriebetriebe haben Bedenken, vielleicht auch Bedenken, dass sich der Stadtteil durch die Künstler noch weiter verändert, auch wenn die Künstler selbst das gar nicht wollen. Können Sie die Sorge der Betriebe verstehen?

Bei solchen Prozessen weiß man natürlich am Anfang nie genau, wo sie hinführen. Es gibt oft Angst vor Gentrifizierung, also vor Aufwertung. Oft steckt dahinter auch Angst vor Veränderung. Es kann aber durchaus sein, dass es durch einen Klub im Holzhafen gar nicht zu Konflikten kommt. Auf jeden Fall würde die Ansiedlung von allen Beteiligten Aufmerksamkeit und Mut erfordern, sich auf Neues einzulassen.

Der Holzhafen ist Teil der Überseestadt, in der es insgesamt schon viele neue Nutzer gibt: Die Hochschule für Künste ist dort, es gibt viele Design-Agenturen und Dienstleistungsbüros. Ist das ein guter Weg?

Viele Hafenstädte stehen ähnlich wie Bremen vor der Frage, was sie mit ihren ehemaligen Hafengebieten machen sollen. Zum Beispiel auch Göteborg und Dublin als die Städte, die ich untersucht habe. Man hat innenstadtnahe Gebiete, aus denen die alte Industrie größtenteils verschwunden ist. Ich glaube schon, dass es eine gute Idee ist, sich an Leute zu wenden, die Arbeitsräume, Ateliers oder Büros brauchen, und auch Möglichkeitsräume zu schaffen, in denen Nutzer etwas ausprobieren können.

Auch spektakuläre Museums-Neubauten werden zum Teil als Kulturtempel gehandelt, die ganze Stadtteile beleben sollen. Die Weserburg hätte ja beinahe ins Kaffeequartier ziehen sollen… Hätte Gegenwartskunst allein einen bislang doch eher konturlosen Stadtteil beleben können?

Das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, ist ein Stadtteil mit einem singulären Gebäude, das von seiner Umgebung entkoppelt ist. Man muss immer verschiedene Gruppen von Menschen einbeziehen. Als lebendige, funktionierende Stadtteile gelten ja meistens Gebiete, in denen es viele unterschiedliche Nutzungen gibt. Zum Beispiel das Flüsseviertel in der Neustadt, wo Studenten, Obdachlose, Geschäftsleute, bürgerliche Hausbesitzer und Leute, die einfach auf der Straße hängen, nebeneinander existieren. Es ist schwierig, so etwas in neuen Stadtteilen wie der Überseestadt zu schaffen, weil das erst wachsen muss.

Das heißt, Stadtplaner können gar nicht so viel tun, um zu beeinflussen, wie lebendig es in der Überseestadt ist?

Man kann als Stadt darauf achten, dass es öffentliche Plätze gibt. Man kann auf gestaffelte Preise für Wohnraum achten. Letztlich will doch niemand über leere Promenaden schlendern! Und dann fällt plötzlich auf, dass es vielleicht doch die Jugendlichen sind, über die sich manche Leute so aufregen, die da fehlen. Die Jugendlichen, die Freitag abends euphorisch mit einem Bier durch die Straßen ziehen, das trägt auch zur Atmosphäre bei. Die Stadt kann dafür sorgen, dass es nicht zu viel Regulierung gibt und nicht zu viel Schutz vor Gruppen, die oft als unbeliebt gelten.

Auch Bremen will gerne kreativ sein. Die Wirtschaftsförderung bemüht sich seit einigen Jahren intensiver um die Kreativwirtschaft. Ist das ein guter Schwerpunkt?

Man könnte den Fokus der Stadtentwicklung weniger einseitig auf Kreativität und mehr auf Bildung setzen, weil man damit mehr Leute in der Stadt einbezieht.

Was könnte das konkret für die Gestaltung neuer Stadtteile bedeuten?

Es muss nicht immer ein Kreativ-Club sein, es kann auch mal eine Stadtteil-Bibliothek sein oder ein Spielplatz. Und es muss nicht immer ein neues Gebäude sein, an das sich die Leute erst gewöhnen müssen, sondern man kann auf gewachsene Strukturen zurückgreifen. Man könnte zum Beispiel an die Bibliothek der Hochschule für Künste andocken und sie stärker für weitere Gruppen öffnen. Aber die Bremer Überseestadt ist auch tatsächlich kein einfacher Fall.

Warum denn das?

Weil Bremen – anders als die Städte, die ich untersucht habe – kaum Geld für die Gestaltung neuer Stadtteile hat. Deshalb ist es eine gute Idee, dass man leer stehende Gebäude an Zwischennutzer vergibt. Das fördert Neues, ohne dass es viel Geld kostet.

Also macht Bremen doch etwas richtig?

Auf jeden Fall! Und Stadtplanung ist ein harter Job. Es gibt so viele verschiedene Interessen – egal, was man als Stadtplaner macht, von irgend jemandem bekommt man am Ende immer Ärger.

Zur Person: Anna-Lisa Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geografie der Bremer Universität. Ihre Dissertation zur Stadtentwicklung in Göteborg und Dublin wurde gerade von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichnet. Müller beschäftigt sich mit Stadtforschung, Globalisierung, Kultur und Migration. Zuvor forschte sie an der HafenCity Universität Hamburg.

Weser Kurier 17.02.2014